Verdrängt, verkauft – aber nicht vergessen. Ein Nachruf auf den Lohwald

Vor achtzehn Jahren, am 25.05.1999, hat die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Offenbach den Abriss der Lohwald-Siedlung beschlossen. Das Gebiet im Osten der Stadt, das fast ein ganzes Jahrhundert von ausgegrenzten, stigmatisierten und armutsbetroffenen Bevölkerungsgruppen Offenbachs bewohnt wurde, erzählt einen Teil der Geschichte Offenbachs. Und auch wenn die Stadtverwaltung erhebliche Anstrengungen unternommen hat, durch den kompletten Abriss des Gebäudebestandes und die mehrfachen Namensänderungen des Neubaugebietes, jenes Kapitel Stadtgeschichte vollständig auszulöschen, so lebt die Erinnerung an den Lohwald weiter: Sei das durch rührende Collagen auf Youtube, Facebookseiten oder nächtliche Unterhaltungen an der Theke der Virginiabar. Der Abriss der Lohwald-Siedlung, in der öffentlichen Wahrnehmung heute mehrheitlich als „Akt der Menschlichkeit“ und „notwendigen Neuanfang“ gedeutet, kann auch als trauriger Höhepunkt einer verfehlten Sozialpolitik, sowie als Station des in den 1990er-Jahren beginnenden Siegeszuges neoliberaler Politikprogramme in Offenbach verstanden werden.

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Neues aus der Stadt

Im Schnitt zahlt man in Offenbach 7,70 Euro pro Quadratmeter Miete, in Frankfurt 10,70 Euro. Daran können Sie sehen, dass wir noch eine Fülle von alten, sehr einfachen Wohnungen für 4,50 Euro haben. Sie werden nur teurer, wenn Eigentümer investieren und daran haben wir Interesse. Wer möchte noch 2016 mit einer Toilette auf der Treppe wohnen. Mehr

So, und ähnlich, spricht OB Horts Schneider locker flockig über eine Stadt in der über 500 Menschen wohnungslos sind; die schon lange keine Zahlen mehr zu Zwangsräumungen veröffentlicht hat; in der von 380 Wohnungen 13 für Hartz IV-Empfänger*innen zugänglich sind, weil bei den anderen die Miete zu hoch ist oder der/die Vermieter*in „keine Lust mehr auf die unzuverlässigen Mitarbeiter*innen des Jobcenters“ hat und lieber nicht mehr an Klient*innen der MainArbeit vermietet; in der zahlreiche Menschen auf engstem Raum zusammenleben müssen, weil sie sich nichts größeres leisten oder aufgrund ihres Nachnamens nicht als Mieter*innen akzeptiert werden; in der milde „Empfehlungen“ ausgesprochen werden um private Investor*innen zu mehr Sozialwohnungsbau zu motivieren oder auch mal ganz darauf verzichtet wird, Sozialwohnungsbau durchzusetzen, weil arme Investor*innen sich verspekuliert haben**; in der öffentliche Wohnungsbauunternehmen schon gar keine Wartelisten mehr führen, weil die Nachfrage nach gefördertem Wohnraum viel zu groß ist und Wartezeiten von mehreren Jahren (!) nichts besonderes mehr sind; in der die Umwandlung von kleinen, günstigen Wohnungen in Große & Teure die Mietbelastung einkommensschwacher Haushalte weiter steigert und immer mehr Menschen vom Wohnungsmarkt ausschließt; in der der OB eine Sozialwohnungsquote von 7% des gesamten Wohnungsangebots in Offenbach anstrebt, während 52,7% der Haushalte über ein niedriges Einkommen verfügen.

Natürlich ist das nicht nur Offenbach, sondern das ist Deutschland und das ist Kapitalismus, das ist viel zu wenig Geld für viele und viel zu viel Hass auf die Armen. Aber all das findet eben ‚auch‘ in Offenbach statt und ist nie einfach Alternativlos. Von einer Stadtregierung, die – wie in einem Kommentar zum FR-Artikel so treffend formuliert – fröhlich nach dem Motto: „Eure ärmlichen Wohnungen mit Toiletten auf der Treppe kotzen uns an“ regiert, ist freilich nicht viel zu erwarten. Vergessen wir also die Elendgestalten der Politik und organisieren wir uns. Es reicht! Eure Politik kotzt uns an. Wir brauchen unsre eigene.

**Wer ganz genau dabei zugucken möchte wie konsequent und erbarmungslosg Sozialwohnungsbau in Offenbach durchgesetzt wird, dem/der seien diese beiden Best-Practice-Beispiele für hartgesottene Verhandlungspraktiken empfohlen: Beispiel 1: Mit Empfehlungen Härte zeigen, Bsp. 2: „Ach nö, lieber doch nicht“ als durchsetzungsfähige Strategie.

Gegen den Mythos der Aufwertung

Immer wieder begegnet man der Aussage, dass der ‘Verslummung’ in Offenbach, nur mit Aufwertung begegnet werden könne. Diese Ansicht vertraten auch Kai Vöckler (Professor für Urbanistik an der HfG) und der Quartiersmanager Markus Schenk am vergangenen Freitag bei der Diskussion im Anschluss an den Vortrag von Sebastian Schipper. Mit dem Begriff „Verslummung“ bezogen sie sich dabei auf überbelegte Wohnungen, in denen Menschen auf engstem Raum und unter widrigen Verhältnissen zusammenleben müssen, sowie auf Mietobjekte in besonders schlechtem Zustand, die ausnahmslos an Hartz-IV-Bezieher*innen vermietet werden. Sie wiesen darauf hin, dass diese Misstände nur durch eine Aufwertung Offenbachs in den Griff zu bekommen seien und dass vor diesem Hintergrund schlechte Wohnbedingungen (aus Angst vor Gentrifizierung) nicht romantisiert werden dürften.

So von Aufwertung zu sprechen klingt zwar im ersten Moment positiv, verschleiert aber, dass längst nicht alle von ihr profitieren und auch in Zukunft nicht profitieren werden. Continue reading

Eine Stadt für Alle! Wem gehört die ABG?

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Am 10.04.2015 ging die Kampagne „Eine Stadt für Alle! Wem gehört die ABG?“ an den Start. Auch in Offenbach spielt die ABG eine nicht unwichtige Rolle und mischt mit ihren Bebauungen auf der Hafeninsel und dem ehemaligen MAN-Roland-Gelände kräftigt mit, wenn es um Aufwertung im Namen der eigenen Profitinteressen geht*. Deswegen und weil Verdrängung, Ausgrenzung und rücksichtslose Mietenpolitik nicht an Stadtgrenzen stehen bleiben, halten wir einen überregionalen und solidarischen Widerstand – wie er im Rahmen der Kampagne stattfinden soll – für überaus wichtig. Schaut mal rein und macht mit! Damit wir bleiben können, in unseren Wohnungen, in unseren Städten und in unserer Region.

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Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen!

Quelle: Facebook/Like Offenbach

Quelle: Facebook/Like Offenbach

Wir wundern uns regelmäßig. Überall wird in Offenbach von Aufwertung, Sanierung und von neuen Bewohner*innen-Strukturen gesprochen – aber dass es dadurch zu Verdrängung der jetzigen Bewohner*innen kommen könnte, wird von (fast) allen Seiten geleugnet:

Die neue Broschüre zur Entwicklung des “Mathildenviertels” erzählt sich als fröhliche Erfolgsgeschichte, Daniela Matha kann sich am Hafen Offenbach beim Bau von Luxuswohnungen austoben und Loimi Brautmann darf auf seinen Stadttouren die geheimen Ecken Offenbachs abfeiern und mit seinem Raumfinder Neuzuzüger*innen locken, und immer klingt es, als käme es allen Einwohner*innen zugute.

Gleichzeitig sprechen sie aber doch alle von den unerwünschten Bewohner*innen: von den Gering-Verdienenden, die nicht genug Steuergelder in Offenbachs Kassen spülen, von den Chaot*innen, die das Mathildenviertel zum “wilden Osten” machen, und von den Obdachlosen und Junkies, die in der Stadt für Angst und Schrecken sorgen – und davon, dass diese Menschen durch die vielbeschworene Veränderung der Mieter*innenstruktur irgendwie ‘kompensiert’ bis ‘ausgewechselt’ werden sollen. Was passiert, wenn sich diese Struktur tatsächlich ändert und wo die ungeliebten Bewohner*innen bleiben sollen, scheint da wenig zu interessieren. Lieber spricht man darüber, wie schön es dann werden wird, hier in Offenbach. Continue reading

Gemeinsam erfolgreich mit dem Bürger-Alarm-System

Die Stadt Offenbach verfügt seit 2005 „als erste Deutsche Großstadt“ über ein Bürger-Alarm-System. Ca. 5000 Offenbacherinnen und Offenbacher sind per Telefon mit der Polizei verbunden und erhalten im Jahr etwa 40 „Sicherheitsrelevante Informationen“. Dazu gehören Warnungen vor Einbrechern oder Trickdieben aber auch Verkehrs bezogene Informationen. Gleichzeitig kann die Polizei die Teilnehmer über das System auch um Hinweise bzgl. verdächtiger Personen bitten. Hier den Link zum offiziellen Promovideo.

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